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Sonderpädagogik und Me(eh)r.
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Das “DU” im Umgang mit Schülerinnen und Schülern

Vorlauf und Durchführung

Lehrer duzen: Zu meiner Schulzeit ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst in der Grundschule haben wir das schon eingeimpft bekommen, dass man Lehrerinnen und Lehrer siezt und so hat sich das bei mir bis in die Oberstufe weitergezogen. In meinen Praktika war es für mich schon sehr unangenehm, dass mich die Kinder gesiezt haben, konnte aber selbst nichts dagegen tun. Ich war Praktikantin, nur für 4-5 Wochen an der Schule und es wurde so erwartet. Ebenso auch im Referendariat.

Bei mir hatte sich das sehr stark eingeprägt, auch wenn ich mit dem SIE nie wirklich etwas anfangen konnte. So führte ich es auch als Klassen- und Fachlehrerin an meiner aktuellen Schule fort. Ich merkte aber, dass sich anscheinend etwas geändert hatte im Vergleich zu meiner Schulzeit:

Meine 5. Klasse hatte große Schwierigkeiten sich umzustellen von DU auf SIE. Anscheinend wird es also mittlerweile in den Grundschulen anders praktiziert. Diese Erkenntnis verursachte hier und da einige Risse in der mühsam aufgebauten Fassade des Siezens bei mir. Ich ließ das Spielchen noch laufen, das ganze 5. Schuljahr über, und fasste für mich einen Entschluss für das nächste Jahr:

Ich wollte an einer Klasse das DU testen. Die Veränderungen, die der Schuljahreswechsel mit sich brachte, festigte auch die Entscheidung über die potentiellen „Versuchskaninchen“. Meine 8er sollten es werden, da sie sich, aufgrund diverser veränderter Klassenstrukturen, deutlich zum Positiveren gewandelt hatten und offener geworden waren. Dementsprechend btoen sie die perfekte Basis.

Mit einem flauen Gefühl im Magen ging ich in die nächste Stunde und glücklicherweise kamen sie mir mit einer seltenen Verwechslung von SIE und DU entgegen, sodass ich diesen Faden aufgreifen konnte und wie nebenher mitteilte, dass es mir eigentlich völlig egal ist, ob sie mich siezen oder duzen.

Stille.

Ungläubig tauschen sie Blicke miteinander aus.

Ich bekräftigte meine Aussage nochmals.

Getuschel.

„Wir dürfen also DU zu Ihnen sagen?“

Ich bestätigte dies mit der Einschränkung, dass wir es erstmal im Klassenraum so handhaben.

Der Effekt?

Kurz gefasst: Es hat danach immer noch ein paar Wochen gedauert, bis sie sich umgestellt hatten und nochmal einige Zeit, bis sie aufhörten sich zu entschuldigen für ein DU.

Es folgte Entspannung. Tiefenentspannung. Es wurde ein anderes Arbeiten. Es bekam eine persönliche, offene Note. Die Kinder wurden offener, ich wurde offener. Man kam besser miteinander klar, weil man auf einer Ebene kommunizierte und es kein klassisches Machtverhältnis mehr gab, wo der Lehrer als oberste Instanz im Raum existierte. Die Lehrer-Schüler-Beziehung veränderte sich grundlegend. Es wurde wertschätzender, fehlertoleranter beiderseits, humor- und liebevoller. Ärger beiderseits wurde zur Kenntnis genommen und verursachte Veränderungen, auch weil es eben emotional eine Ebene tiefer ging.

Dennoch, trotz dieser positiven Erfahrungen, würde ich für mich zu folgender Aussage tendieren: Das Duzen sollte, wenn man sich dazu entschließt, zu einem Zeitpunkt erfolgen, wo die Schülerinnen und Schüler die Problematik erfassen können. Ein Zeitpunkt, wo das Verständnis dafür da ist, wann man siezt und wann man duzt.

Dementsprechend empfinde ich Jahrgang 5 und 6 noch als zu jung für diesen Prozess, eine 7. Klasse könnte es eventuell verstehen, aber am Sichersten ist man mit dieser Praxis wahrscheinlich ab Klasse 8. Das ist natürlich nur meine eigene Erfahrung, die ich bei meinen Schülerinnen und Schülern gemacht habe.

Aber wer mit diesem Thema schwanger geht: Probiert es aus. Mehr als schief gehen kann es nicht und man wird (sehr wahrscheinlich) eine ganz andere Seite von den Kindern sehen.

2 Comment

  1. Hey,
    das Thema finde sehr interessant.
    Ich unterichte an einer Volksschule (Grundschule) in Ö. und bei uns werden eigentlich die meisten Lehrer auch per DU angesprochen. Zu meiner Zeit war das SIE noch selbstverständlich. Ich hatte letztens Kontakt zu Lehrern meiner letzten 4. und die meinten auch, dass die Umstellung von DU auf SIE für einige recht schwierig war. Da kommt man dann doch wieder ins Grübeln.

    Eine Kollegin hat es so gelöst, dass die Kinder sie ab der 3.Klasse per SIE anreden mussten – hat bei ihnen gut geklappt und ich bin ehrlicherweise auch am überlegen, ob ich das noch umstellen werde.

    LG
    Stephanie

    1. Hallo Stephanie,
      es ist schön zu hören, dass meine Erfahrung nicht die einzige solcher Art ist, sondern es anderen Kolleginnen und Kollegen auch so geht.
      Ich kam auch sehr ins Grübeln und der Prozess, bis ich mich zu diesem Schritt getraut habe, hat lange gedauert, aber war es wert.

      Dieses System deiner Kollegin klingt auch recht gut, jedoch habe ich oft die Erfahrung gemacht, dass den Kindern nicht klar ist, warum man Siezen sollte, auch nach einer Erklärung nicht.
      Die Erkenntnis kam bei meinen erst deutlich später.

      Ich kann nur sagen, dass du es vielleicht ausprobieren solltest, ob das System klappt.

      Viele Grüße
      Fr. Robbe

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